Palast + Feld
Zweite Runde / 1. Szene
(Palast. Parodos des Chors, dann Kreon dazu.)
Chor:
Heyho, heyho!
König Kreon, heyho!
Du, unser Generalfeldmarschall,
schlugst in die Flucht unsrer Feinde Zahl,
schlugst auf die Köpfe, noch sprudelt ihr Blut
und besiegelt des Friedens so kostbares Gut.
Vertrieben hast Du bösen Bruderzwist,
drum der Bürger Einheit Du Bürge bist;
erdrücke Du nun mit mächtigem Arm,
was unserer Freiheit die Flügelchen nahm!
Nun wolln wir nicht loben über Gebühr,
uns starben doch manche Söhne dafür;
so höre Du unser bescheiden Begehr:
schaff für unsre Kosten flott Posten uns her!
Ich wär Minister!
Und ich wär Experte!
Wir schreiben Berichte,
verfassen Exzerpte,
wir dienen dem Staate
mit unsrem Gerede,
man zieht uns zu Rate,
und sind wir zu blöde,
dann reden wir schneller,
denn nichts ist so öde
wie ein leerer Teller,
kein Schinken, kein Wein,
keine Kohlen im Keller.
Heyho, heyho,
König Kreon, heyho!
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Zweite Runde / 2. Szene
Kreon:
Gut, meine Herren, wollen wir
diesen schönen Tag beginnen
mit Lügen? Sie wünschen etwas teil-
haftig zu werden an der Macht?
Und Sie erinnern mich, dass Ihre
Söhne in die aufgewühlte Erde
bissen, nur für mich und meinen Sieg?
Erstens, auch mein Ältester
fraß Erde, wie Sie wissen.
Zweitens lebt mein Jüngster nicht
etwa, weil ich ihn geschont.
Drittens kann auch der schon morgen
hin sein. Zum Vierten hab nicht ich
gesiegt. Geschichte lacht nur über
Einzelne wie uns. Sie wollen
etwas Macht? Nehmen Sie soviel
Sie können! Die Geschichte ist
ein Spiel und ist zugleich
sein Einsatz. Sie, will sagen: wir
sind nur kleine Spielfiguren -
doch zugleich auch jene Hände,
die sie schieben, lächelnd und er-
barmungslos über's dunkle Brett.
Chor:
Wer verliert und rausgeschmissen
wird, hat Pech, jedoch die andern
haben etwas Spaß.
Kreon:
Der Einfluss, den Sie sich erbeuten,
der sei gerne ganz gewährt.
Hoffen Sie jedoch auf Milde
und Freigiebigkeit von mir, so
sind Sie schlecht beraten, denn
ich bin eine Spielnatur.
Verliere ich, verlier ich ganz,
ich spiele nicht mit halbem Einsatz.
Und ich fordere von jedem
meinen Teil solang ich kann.
Meine ganze Regel lautet:
nur wer setzt, gewinnt.
Chor:
Strategie ist beinah alles,
doch wem Glück fehlt, der versagt. Das
hält das Spielchen langzeit spannend.
Kreon:
Freunde, nun kommt an den Tisch.
Mein erster Zug ist schlicht und einfach:
einen Toten setze ich. Sein
Leichnam soll als Grenze liegen
zwischen unheilvoll Vergangenem
und dem Morgengraun des Jetzt;
auch soll er die Geister scheiden:
locken soll er die ans Licht,
die der neuen Zeit nicht ihre
stolzen Nacken beugen wolln.
Chor:
In solch wirren Zeiten braucht
der Mensch Orientierung durch
starke Obrigkeiten und
markante Feindbildschürung.
Kreon:
Den toten Polyneikes lege
ich auf's Spielfeld, unbedeckt,
den Kötern und den Krähen sei er
Aas zum Fraß! Mein Etappenziel
heißt Ordnung, die Gewinn bringt
meiner Stadt. Also verwese
diese Jungrebellen-Leiche
königlich zur Warnung all
den heimlich Widerspenstigen.
Chor:
Eine Ordnung ist ein Zwischen-
zustand im Verlauf des Spiels.
Einträglich dem, der sie gestiftet,
braucht sie doch ein Fundament.
Wird der Leiche Aasgeruch die
früchtereiche Ordnung tragen?
Wird der Beine Schreckenbild die
Bürgerruh mit Zinsen lohnen?
Kreon:
Oder reicht mein kleiner Einsatz,
ehrgeizige Hitzeköpfe
anzureizen, aufzunehmen
mit mir König die Partie?
Chor:
Wer schon wäre so verwegen,
wer schon setzt das eigne Leben
gegen Staatsgewalt auf's Spiel?
Früh lernt der Bürger seinen Vorteil
abzuzählen an den Fingern,
und zehn Finger sind nicht viel.
Kreon:
Eure Krämerklugheit fasst es:
tot ist, wer es wagt, die Leiche
zu bestatten. Nun, die Karten
sind gemischt, und ich erwarte,
dass sich Euereins auf meine
Seite stellt, der ich das Blatt
mit allen Trümpfen spiele. Nicht
viel fällt ab für die, die mit dem
Starken gehn, nur hier und dort
ein Rest am Rande.
Chor:
Doch sein Schatten schirmt sie sicher
vor den Schlägen, die den Über-
mütigen, den noch zu schwachen
Angreifer vernichten solln.
Kreon:
Das Spiel beginnt, ihr seid am Zug!
Chor:
Herr, König!
Eure Worte klingen wohlgewählt,
und wie wir wissen, dass die Ordnung
Opfer braucht, so dünkt uns milde,
dass dafür ein Toten Ihr
gewählt, statt weiterhin von denen,
die noch leben, sich bedienen.
Nehmt doch unsereins als Schieds-
gericht bei Eurem Spiel.
Kreon:
Wozu Schiedsgericht? Noch immer
richten die, die stärker sind.
Chor:
Fürwahr, so ist es. Vielleicht braucht
Ihr Wachen, dass den Toten nie-
mand ungesehn bestatten kann?
Kreon:
Dafür sorgt die junge Garde.
Chor:
Wie wär es mit Verwaltung, Herr?
So ein Gebot bedarf Vermittlung,
denn dem Volk, dem einfachen,
fällt es nicht leicht, verstehen, dass
ein Toter nicht begraben sei.
Zumal der Jugend, die dem Hei-
ligen, dem hohen Ideal,
dem Wahren, Guten undsoweiter
noch so nah zu stehen pflegt.
Ja, unsrer Jugend könnte das
Gebot recht unverständlich sein.
Ach, die Jugend fühlt dem Tod
sich immergleich so nah!
Kreon:
Wie ich sehe, wird verstanden,
wie das Spiel steht, das wir spielen.
Chor:
Keine Frage.
Wenn ein König Ordnung will,
um gewaltiglich zu walten,
bringt er Verwaltungen ins Spiel,
die im Kleinen für ihn schalten.
Zweite Runde / 3. Szene
( Feld . Die vier Wachen hocken etwas abseits der Leiche. Sie saufen, ein Joint kreist. Einer stößt lauthals auf, die anderen lachen...)
Eins:
Ich muss mal pissen.
Zwei:
Bepiss doch den Kadaver.
Drei:
Das macht die Fliegen noch geiler.
Eins:
Von mir kriegt das Verräterschwein keinen Weihguss!
(Lachen. Er pisst irgendwohin, setzt sich, die Rituale gehen weiter.)
Zweite Runde / 4. Szene
(Antigone auf.)
Antigone:
Lieber Bruder. Polyneikes.
Auf deinem Fleisch, äh!, wollen
sie ihren Frieden bauen.
Ich werde Haimon seine Frau.
Weißt du, ich kriege Kinder
mit Rotznasen, die wollen
soviel spielen, jeden Tag.
- Glaub ja nicht, dass ich gutheiße,
was du getan hast. Einen Scheiß
hast du getan. Und das hier,
das kostet mich vielleicht den Kopf.
- Ich will, dass du nicht so daliegst
mit den Fliegen. Du hast die Augen
ja noch gar nicht zugemacht. Äh!
Wie du übel riechst! Komm her,
und lass dich waschen. So. Und so...
Hast du für einen Augenblick
vielleicht auch mal an uns gedacht?
Ich hätte glücklich sein können.
Schau, jetzt bist du sauber
genug für deinen weiten Weg.
--
Dieser Kuss ist von Ismene,
der, der ist von mir. Geh jetzt,
Bruder, geh, wir müssen Abschied
nehmen, die Wachen haben mich
gesehn. Sand, schnell viel Sand, mein Herz,
dass die müde, alte Erde dich
auch wiedernimmt in ihre schwe-
ren, dunklen Klumpenarme. Sand!
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Zweite Runde / 5. Szene
Zwei:
Alter, kneif mich!
Drei:
Ich seh es auch.
Eins:
Das ist doch die Titte von vorhin.
Vier:
Scheiße, bin ich breit.
Eins:
Eh, Titte, beweg dich mal hierher!
Antigone:
Und Erde und Erde und Erde...
Zwei:
Alter, die verscharrt ja das ganze Hundefutter.
Drei:
Eh, lass das da in Ruhe!
Eins:
Da müssen wir wohl mal beigehen.
Zwei:
Los Jungs!
Vier:
Gott, bin ich breit.
Eins:
Hör zu, Titte, erst finden wir dich, wie du dich da durch den Dreck ficken lässt. Ok. Deine Sache. Aber jetzt kommst du her und packst auch noch Dreck auf das Verräterschwein. Das ist verboten, ja, das ist zuviel.
(Er tritt Erde vom Leichnam.)
Antigone:
Das dürft ihr nicht! Mein Bruder ist tot.
Der muss auch tot sein dürfen!
Eins:
Du wirst jetzt fein säuberlich jeden Scheißkrümel Erde da runterputzen, kapiert. Na los, beweg dich!
Antigone:
Und Erde und Erde und Erde...
Eins:
Müssen wir grob werden Kleine?
Vier:
Jetzt lass die doch. Ich mach den schon wieder frei.
Eins:
Würdest du bitte deinen breitgekifften Schädel geschlossen halten? Hier denke ich und hier rede ich.
Vier:
Ich mein ja nur.
Eins:
Schnauze halten! Also Schätzchen, wir haben hier einen klaren Fall von Problem, das kennt genau drei Lösungen. Lösung eins: du machst hübsch den Dreck da wieder runter, wir halten das Maul, und keiner kriegt Schwierigkeiten. Lösung zwei: du bist weiter bockig, und wir müssen dich leider dem König vorführen, dem es ein Vergnügen sein wird, dich aufzuhängen. Lösung drei:...
Vier:
Hör doch auf!
Eins:
Maul halten, Vier! Also Vier meint, über Lösung drei spricht man nicht vor Frauen und Kindern. Lösung drei ist nicht stubenrein, wenn du verstehst.
Antigone:
Lasst mich los!
Eins:
Hast du dir denn schon eine Lösung ausgesucht? Du hast noch dreißig Sekunden.
Antigone:
Ihr holt doch auch eure Toten, um sie zu begraben!
Zwei:
Hast du nicht verstanden, was er gesagt hat?
Antigone:
Und ihr? Was versteht ihr?
Drei:
Die will sich nicht entscheiden.
Zwei:
Da müssen wir wohl entscheiden.
Drei:
Wie wär's mit Lösung drei, Boss?
Eins:
Schnauze. Wir halten immer hübsch die Spielregeln ein. Nun, deine dreißig Sekunden sind um. Wir würden gerne deine Entscheidung hören.
Antigone:
--
Eins:
Ok. Lösung drei.
Zwei:
Da musst du dich jetzt wohl mal ausziehen, Schätzchen.
Drei:
Nicht so zimperlich, Schätzchen.
Zwei:
Soll ich dir behilflich sein, Schätzchen?
Vier:
Rühr sie nicht an!
Eins:
Ohohoh. Was haben wir denn da?
Vier:
Keiner rührt die an! Leute ich sag's euch!
(Zieht sein Schwert.)
Zwei:
Du verwechselst uns mit der Heilsarmee.
Eins:
Schnauze. Hör zu, Vier, wenn du glaubst hier einen Helden für die Titte abgeben zu müssen...
Vier:
Jetzt hältst du mal die Schnauze!
2+3:
Ohohoh!
Vier:
Das Mädchen hat total recht.
Drei:
Jetzt ist die Titte schon sein Mädchen...
Vier:
Schnauze!
2+3:
Ohohoh!
Vier:
Die hat ihren Bruder begraben, ok. Licht ausgemacht. Der ist tot. Der muss auch tot sein dürfen. O.k.?
Eins:
Was laberst du hier eigentlich? Wir sind hier, um aufzupassen, dass niemand das Verräterschwein verscharrt, und du redest so eine Scheiße?
Vier:
Das ist keine Scheiße, Mann! Ich hab meinen eigenen Bruder so krepieren sehn, ja, der hat nach mir geschrien, der hat noch immer geschrien, als er da verreckt ist, Mann, und ich, ich wollte hin, dass er nicht so schreit, ich musste den doch zumindest ganz tot machen, dass er nicht mehr so schreien braucht! Da hab ich mich umgedreht, zurück, aber da stand dieser Hauptmann, dieses brutale Hundsgesicht, und er grinst und sagt und hält mir die Kanone auf die Stirn und sagt: na Junge, immer schön nach vorn geschaut, da vorne steht der Feind. Und er lacht, und da hinten schreit der Bruder und stirbt, aber ich, ich bin nach vorne, wo der Feind steht, und von den scheiß Tränen blind schlag ich um mich auf alles, was noch zuckt. Und dann war die Schlacht vorbei. Ich suchte nach dem Bruder, alle scheiß Toten habe ich hin- und hergedreht, Mann, aber ich hab meinen Bruder nicht gefunden unter all dem Fleisch. Jede Nacht, jede Nacht schreit er durch meinen Traum, und jede Nacht heul ich, weil ich ihn nicht finden kann. Und jetzt lasst das Mädchen los!
Eins:
Sehr rührend, Vier, wirklich sehr, sehr rührend.
(Vier haut ihm in die Fresse, dass er umfällt, die beiden anderen schnappen sich Vier.)
Eins:
Nein, Vier, deinen Bruder in Ehren, aber das, das hätte dir nicht passieren dürfen. Das verstehst du doch sicher, was, Vier?
(Eins haut Vier auf die Fresse.)
Eins:
Mein Freund, wenn dir das Mädchen hier so am Herzen liegt, weißt du, dann bist du eben der erste, der sie fickt.
2+3:
Ooch!
Eins:
Schnauze. Na los, Vier, fang an, wir halten sie dir.
Zwei:
Oder müssen wir dir helfen?
Eins:
Du sollst sie ficken, Vier!
- (Das Bild friert ein. Antigone spricht tonlos. Man kann den Monolog auch streichen.) -
Antigone:
Sie reißen mir meine Kleider
vom Leib und die Beine auf.
Ich will um mich schlagen,
aber ich habe keine Kraft.
Sie greifen mir mit ihren
kaputten Händen dahin,
was nur mir gehört.
Ich glaube, sie fassen
in mein Inneres. Es schmerzt,
und ich werde immer härter.
Ich muss kotzen, aber nicht einmal das
kann ich. Ich glaube,
ich werde da unten zu nichts,
bis mein Tempel einstürzt.
Ich werde Dreck und Trümmer
in ihren Händen. Ein Mensch
kann auch ein Dreck sein.
Ja.
Der Vier hat die andern
umgehauen. Ich konnte weg.
Laufen und kotzen konnte ich
auch.
(black.)
Zweite Runde / 6. Szene
( Palast . Chor, Kreon, Haimon.)
Chor:
König Kreon, naht dort stolz nicht
Euer Sohn und Held Prinz Haimon?
Haimon:
Vater! Vater!
Kreon:
Mein Sohn.
Was gibt es Neues, dass du so strahlst?
Haimon:
Vater, denke, ich habe mich verlobt!
Kreon:
Mein Sohn. Du weißt sehr wohl, dass du
vor solchen Entscheidungen mich
zu Rat zu ziehen hast?
Haimon:
Aber ja, Vater! Du musst raten!
Kreon:
Rück schon raus, wer ist die
Glückliche?
Haimon:
Antigone, Vater, es ist meine
Antigone! Meine - mmpf...
(Knutscht den Vater)
Kannst du dir das vorstellen, Vater?
Kreon:
Ausgerechnet die?
Chor:
Nichts ist schöner als die Liebe,
wenn sie golden-rot auf jungen
Wangen wie ein Licht auf zu-
künftige Geschlechter glüht.
Haimon:
Vater, sie ist die Süßeste, die Schönste...
Sie ist so - mmpf...
Kreon:
Lass das doch.
(Wischt sich die Spucke ab.)
Haimon:
Vater, du musst ja sagen, bitte, bitte...
Du musst, sie ist so - mmpf...
Kreon:
Bah, jetzt reicht's aber.
Hör mal, Junge, ich weiß ja,
wie die Liebe, dass sie uns
den Kopf verdrehen kann. Du
bist richtig glücklich?
Haimon:
Vater, ich brech auseinander,
ich muss 'Antigone' nur sagen,
und schon brech ich auseinander!
Vor Glück. Ich knalle.
Kreon:
Jaja, du knallst. Das merke ich.
Chor:
Ja, es ist und bleibt der Jugend
vorbehalten Funken sprühen,
überschäumen, Glück zu kosten
undsoweiter undsoweiter.
Doch wir Alten loben ewig,
was die Waage hält im Mittel-
maß, denn nur die altersweise
Ausgeglichenheit bringt Ruhe,
und nur Ordnung bringt Gewinn.
Kreon:
Hör zu, Junge, du weißt gut,
dass ich nicht einverstanden bin.
Antigone! Ausgerechnet. Lieber
wär mir irgendeine Magd, als die.
Hab ich nicht alles menschen-
mögliche getan, dass unsre Stadt
befreit wird von der Last, die
dieses untergehende Geschlecht
auf uns gebracht hat? Und jetzt das.
Chor:
Hoch lebe König Kreon!
Kreon:
Antigone! Mein Sohn! Jedoch,
ich weiß auch gut, dass wir,
dass ich in Sachen Liebe macht-
los bin, das weiß ich wohl. Ich kann
sie nicht verbieten, was? Komm her!
Lass du uns zwei vereinbaren:
sechs Monate. Ein halbes Jahr,
das ist nicht viel, doch manchmal
eine Welt.
Haimon:
Sechs Monate?
Ein ganzes halbes Jahr?
(Vier herein.)
Vier:
Herr, verzeiht!
Kreon:
Was gibt's? Was störst du mich
und meinen Sohn bei Wichtigem?
Vier:
Der ist Euer Sohn? Ihr Götter!
Kreon:
Fass dich kurz!
Vier:
Verzeihung vielmals, es ist nicht
so wichtig, ich... ich werd wohl besser
wieder gehn.
Kreon:
Hiergeblieben! Was hast du zu melden?
Chor:
Der Kerl scheint in Verlegenheit.
Vier:
Die Kameraden zwingen mich
es Euch zu melden, Herr,
doch alles ist in schöner Ordnung.
Herr, es liegt die Leiche, wie sie soll,
schon lange wieder frei.
Kreon:
Was 'wieder'? Rede deutlich!
Vier:
Wir standen Wache bei der Leiche.
Kreon:
Und?
Vier:
Und alles war ganz ruhig.
Kreon:
Schön.
Vier:
Bis... bis eine kam und mit
geweihtem Wasser wusch und Erde
warf, wie es der Brauch
und liebe Tote fordern.
Kreon:
Wer hat das getan?
Chor:
Uns scheint sich Düstres da zu brauen
um die Leiche des Verräters.
Jetzt ist des Herrschers weitgestrek-
kte Allbesonnenheit gefragt!
Vier:
Herr, das hat niemand bestimmtes...
Herr, das war eine göttliche Erscheinung,
Ehrenwort, es gab einen Sandsturm, Blitz-
und Donnerzucken, Glockenläuten, alles,
was dazugehört. Bitte, Herr!
Chor:
Oh die Götter, Allbeschworne,
mischen sich in unser irdisch
kleines Spiel - das will nichts Gutes,
wie uns leider scheint, verheißen.
Kreon:
Schnauze, ihr Deppen! Du sagst mir
auf der Stelle, wer das tat!
Vier:
Bitte, Herr! Wenn Ihr wüsstet,
was ich weiß, Ihr würdet
nicht so fragen.
(Kreon legt auf Vier an.)
Chor:
Oh, es wird gefährlich. Jetzt
wären wir lieber andernorts.
Kreon:
Ich will es wissen, Mann!
Vier:
Ich konnte nichts dafür! Ich wollte
nicht, dass die drei andern, dass, - die
sollten sie nicht mit Gewalt...
Das Mädchen hat doch recht getan.
Man muss doch seinen Bruder, wenn
er tot ist... muss man das doch tun!
Herr, ich wollte ihr ja helfen.
Sie hat recht getan.
Kreon:
(Kreon entsichert seine Waffe.)
Wer?
Vier:
--
Kreon:
(Kreon drückt Vier die Mündung auf die Stirn.)
Wer?
Vier:
(tonlos, sodass nur Kreon es hört)
Antigone.
Kreon:
Bum. --
Ihr seid aus meinem Dienst
entlassen. Alle vier und ab
sofort. Geh das den andern melden!
Vier:
Herr, die werden mich erschlagen...
Kreon:
Dann sieh zu, dass deine Uni-
form nicht Schaden nimmt dabei!
(Vier ab.)
Chor:
Herr, das war nicht eben fein. Hat
der Knabe es doch wirklich
gar nicht anders als nur gut
gemeint. Wir meinen, dass der Jugend
unsre Nachsicht wohl gebührt.
Kreon:
Mein Sohn. Es tut mir leid, das war
nicht eben fein. Doch du musst mir
von jetztan lernen, wie man straff
sein Regiment führt, schließlich sollst
du mich beerben, wenn ich einmal
nicht mehr bin. Dieser Schwachkopf
hat uns leider unterbrochen.
Eine Frage hätt ich noch: mein
lieber Haimon, Sohn, wie würdest
du dich wohl entscheiden, wenn du
einmal wählen müsstest zwischen
mir und ihr, Antigone?
________________________
Zweite Runde / 7. Szene
( Feld . Ismene und Antigone. Dann Haimon.)
Ismene:
Was ist mit dir? Antigone!
Antigone:
Nimm mich! - Nein! Lass mich!
Ismene:
Wie siehst du aus?
Antigone:
Deine Hand!
Ismene:
Weinst du?
Antigone:
Nein! Nein. Ich weine nicht.
Ismene:
Natürlich nicht.
Antigone:
Ich bin dreckig.
Ismene:
Natürlich.
Antigone:
Haimon hat mich geliebt.
Ismene:
Der!
Antigone:
Ich bin eingestürzt, Ismene.
Ismene:
So ein Mistkerl.
Antigone:
Nein! Haimon ist so gut für mich.
Ismene:
Aber ja, Antigone. Du musst ihn vergessen.
Antigone:
Nein!
Ismene:
Mein Liebster, Schwester,
ist nicht aus der Schlacht zurück.
Schon tot. Ich habe nicht mit ihm
geschlafen, vorher. Das war dumm.
Ich habe ihn nie ganz gehabt, und jetzt,
jetzt ist er fort. Es ist klug,
wer viel und schnell vergisst. Denn
es geht ja nicht weiter, sonst.
Es muss doch weitergehn, Antigone.
Antigone:
Du darfst ihn nicht vergessen!
Ismene:
Ich kann's ja nicht.
Antigone:
Es ist nicht Haimon.
Ismene:
Was dann, Schwester?
(Haimon dazu)
Haimon:
Ismene! -- Wie siehst du aus?
Antigone:
Sieh nicht hin! Bitte, Haimon,
sieh nicht hin!
Haimon:
Ismene, ich weiß alles, ich
war im Palast, als es die Wache
meldete. Du musst verschwinden,
schon beginnen sie zu suchen. Das
hättest du nicht tun sollen.
Ismene:
Was, bitte, hab ich denn getan?
Haimon:
Ihn begraben! Sowas hat doch
keinen Sinn! Sie haben Polyneikes
längst schon wieder freigelegt.
Antigone:
Nein!
Haimon:
Doch.
Ismene:
Schwester! Ich beginne zu verstehn.
Haimon:
Ein wenig spät: man will dich
hängen. Ich habe für die Flucht
gesorgt: du gehst nach Kolonos,
dort gibt man dir Asyl. Ein Wagen
steht für dich bereit. Jetzt
muss es schnell gehn, komm, Ismene,
komm!
Ismene:
Haimon! Bitte warte hier, und
bitte lass Antigone
nicht einen Augenblick allein.
Ich muss -- was auch
passiert, bleib bei Antigone!

antigone-fleisch von Jens Wirsching steht unter einer Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany Lizenz. antigone-fleisch steht im Netz auf www.engel-und-krise.de seit dem 19. November 2008. Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter www.engel-und-krise.de/lizenzen erhalten.
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