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Ode an einen jungen Selbstmordattentäter

Wie das Blatt, das zu früh fällt,

einzeln und verloren,

legst du dich in Staub,

und deine Freunde

können nicht mit,

zu fest ist ihr Sitz

im staubbedeckten Leben.

 

Konzentriert zerschellst du

an der Wand des elektronisch

versorgten Gegners,

der alles weiß

und alles steuert,

vielleicht gar dich.

 

Du Bienenstich,

Erinnerung

an heldenhafte Tugend

gegen das amorphe,

das allgegenwärtige

Gelump.

Du trägst die Fahne

des Zorns und der Hoffnung

ins Feuer,

und dein Konterfei

entflammt das Herz

deiner verlorenen Jugend.

 

Lang sind die letzten Meter

und schrill

ist das Ticken der Uhr:

Wie gründlich

war deine Planung?

 

 

Du stolze

Kamikazie:

Hast du recht bedacht

dein Ziel?

Wer

sind deine strategischen Führer

wirklich?

Hast du doppelt

gedacht?

Glaubst du, der elfte September

war die Agenda

glorreicher Kollegen?

 

Ach, träumender Narziss,

lass die Hand dir reichen

vor deinem letzten Gang.

Lass uns teilen

deinen Traum;

lass uns teilen

deinen Feind.

 

Giftschränkisch nährt sich,

irrlichternder Ursuppe gleich,

cancerogen,

sein gärender Leib

von deiner tapferen Jugend.

Alles vertilgt er,

selbst ohne Kraft,

und gedeiht.

 

Er macht nicht Front,

du würdest ihn schlagen,

endlos verzweigter Stamm

nichtiger Schaben

durchsetzt er das Land,

das gute,

und macht es sich gleich.

 

Wie geht ein Krieg

ohne Feind

in Gestalt?

Wie geht Krieg

gegen einen Gott?

Seine Augen sehen

nachts durch Wände;

Seine Hände steuern

ohne Fleisch;

Seine Geschosse treffen

ohne Schützen,

und Dörfer

hebt er aus.

 

Oh es ist der Gott der Feigheit,

der Gott der Entfernung,

ein entrücktes Aas.

Seine Tagelöhner

verschanzt er hinter Mauern

von digital überwachtem Beton.

Ach, würden die Klugen dieser Erde

ihm ihren Geist versagen!

Wie können sie nehmen

den Sold, den blutigen,

und sich in seiner Lüge baden,

es sei ihr wohl verdienter Lohn?

Zeig dich, du feiger Gott,

und du bist tot!

 

Ach, junger Attentäter,

wollte dein Feind doch siegen,

du würdest ihn schlagen.

Er sucht nicht Sieg

sondern Besetzung.

Wie geht Krieg

gegen ein Netz?

Geharnischt die Knoten

und ätherisch der Faden

entzogen dem Angriff

von Menschenhand.

Stolz und hilflos

beharrst du auf archaischem Krieg.

Deine Verzweiflung

schmeichelt dem Netz.

Seine Geschmeidigkeit

stählst du.

Du kraulst

seine goldenen Eier

wie die Tränen

deiner Eltern:

Er lacht.

 

Schnüre den Gurt,

gehe und sprenge,

ich weiß nicht dir zu raten.

Gehe und sprenge,

du bist traurig

gerecht.

 

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Ode an einen jungen Selbstmordattentäter von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 04. Dezember 2008 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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