Segensreiches Gefüge
von Stahlrohrrahmen
korrosionsbeständig bunt lackiert;
mit fliegenden Rädern,
sorgsam eingespeicht
die fettstrotzenden Naben,
und vielfältig übersetztem
Kettenantrieb.
Deine Pedalarme nehmen die Kraft auf
unserer Beine
und es trägt uns,
es fliegt das Geschleuder
auf ebener Strecke.
Hüft- und Kniegelenke
schonst du, denn ab
gibst du die Last unserer Leiber
an den bereiteten Boden.
Du zweite Potenz der Erfindung
des Rades,
du unverhofftes Flugobjekt,
du erlaubst unserer Kraft
den reinen Wandel
in Fortbewegung.
Nichts hier von Roll-
widerstand und Wirkungsgrad,
denn du bist unerreicht.
Lasten lässt du uns ziehen
und Kindersitze montieren.
Mit Bremsen bist du versehen und Blechen
zu fangen den aufwirbelnden Staub.
An nichts fehlt es dir,
du Gleichgewicht heischendes
Geschenk
selbstgenügsamer Mobilität.
Ach, ich werde dich vermissen.
Noch Jahre nach dem Verhauchen
des letzten Verbrennungstaktes
wird deinerlei
auf den asphaltenen Spuren
von Stadtbrache
zu Stadtbrache sich tummeln.
Doch einmal
sind auch deine
letzten Ersatzteile
verbaut und zu Schanden,
porös und verfahren zuerst
das Gummi deiner Reifen,
zermahlen deine Lager
und geborsten
deine feinen Speichen.
Zuletzt
zernagt der Rost
die meisterhafte Schweißnaht
deines einst so stolzen
Stahlrohrrahmens
zu losem roten Blattwerk.
Auch dein Herbst muss kommen
und lange nach deiner Zeit -
dein ursprünglicher Zweck vergessen -
wird als Egge
manche Kinderrad-Gabel
den steinigen Acker durchfurchen.
Ach Fahrrad!
Die Kinder meiner Kinder
sollen deinen Namen lernen
wie ein süßes fremdes Wort,
und in den Sand, den ewigen,
will ich mit bebendem Finger
dein sparsam elegantes Linienspiel nachziehen.
Ich werde sagen:
"Fahrrad".
Ode an das Fahrrad von Jens Wirsching steht im Netz seit dem 04. Dezember 2008 unter der freien Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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