(Ludivico bereitet als Dessert zwei aufwendige Cocktails. Ayesha läuft nervös von Handbuch zu Lunamerographen und von Lunamerographen zum Expeditionswagen usw.)
Ayesha:
Nur noch 22 Minuten. Ich werde verrückt.
Ludovico:
(Schnuppert an seinem Cocktail:) Mhm.
Ayesha:
Die Justier-Schrauben für den Koeffizienten-Bügel fehlen.
Ludovico:
Oh.
Und du meinst wirklich, der Mond lässt sich mit deinen Lunamerographen festhalten?
Ayesha:
Natürlich. Die Lunamerographen verzeichnen die Zunahme der Gravitation, wenn der Mond kommt, indem sie die Veränderung der Teilchendichte des umgebenden Raumes messen.
Wenn ich nur wüßte ...
Ludovico:
(Rührt in seinem Cocktail.) Irgendwo müssen diese Justier-Schrauben doch sein. Wo hast du sie denn hingetan?
Ayesha:
Ich habe sie in das Zubehör-Fach gelegt.
Ludovico:
Hast du denn auch schon im Zubehör-Fach nachgesehen.
Ayesha:
Natürlich habe ich schon im Zubehör-Fach nachgesehen.
Ludovico:
Und? Sind sie wirklich nicht da?
Ayesha:
Nein.
Ludovico:
Sieh noch einmal genau nach.
Ayesha:
Ich habe genau nachgesehen. Dreimal. Du musst sie verlegt haben.
Ludovico:
Ich?
Ayesha:
Ich habe sie nicht angerührt.
Ludovico:
Ich habe sie auch nicht angerührt.
Ayesha:
So?
Ludovico:
Nimm doch Gaffa.
Ayesha:
Gaffa.
Ludovico:
Textil-Klebeband. Damit befestige ich alles, was sich nicht tackern lässt.
Ayesha:
Es geht um die Feineinstellung des Koeffizienten-Bügels, nicht um die Hinterachse deines Expeditionswagens.
Ludovico:
Es ist auch dein Expeditionswagen.
Ayesha:
Hätte ich ihn konstruiert, dann wäre die Lagerung der Hinterachse nicht seit zwei Jahren, neun Monaten, zwei Wochen und vier Tagen mit Gaffa am Gestell befestigt.
Ludovico:
Jaja. Das sagtest du bereits.
Wo wir gerade dabei sind: Hast du eine Idee, wo wir hier mitten im Nirgendwo Eiswürfel herbekommen?
Ayesha:
Bitte was?
Ludovico:
Eiswürfel.
Ayesha:
Eiswürfel.
Ludovico:
Ich habe uns einen fruchtigen Cocktail zubereitet. Eiswürfel wären schön.
Ayesha:
Schön. Ja?
Ludovico:
Ja. Schön.
Ayesha:
Ich will hier fertig werden.
Ich will die Geräte einrichten.
Ich will keinen fruchtigen Cocktail mit Eiswürfeln!
Ludovico:
Ich dachte, so kurz vor dem Höhepunkt unserer wissenschaftlichen Laufbahn, da könnten wir einen fruchtigen Cocktail gut gebrauchen.
Ayesha:
Ich könnte Justier-Schrauben gut gebrauchen!
Ludovico:
So hängen deine Lunamerographen herab wie gammelige Bananen.
Ayesha:
(Finster) Als die Achse aus der Lagerung sprang, hattest du da nicht nach Schrauben gefragt?
Ludovico:
Naja, ich hatte keine mehr. Am Tag davor war ja der Deichsel-Bolzen aus der Buchse gesprungen.
Ayesha:
Gut. Und welche Schrauben hast du dann genommen, wenn du ja, wie du sagst, selber keine mehr hattest?
Ludovico:
Irgendwelche. Gar keine.
Ayesha:
„Irgendwelche“ - oder: „gar keine“?
Ludovico:
Erst irgendwelche und dann gar keine. Dann hab ich Gaffa genommen.
Ayesha:
Gut. Und diese „irgendwelche“ Schrauben, wo kamen die her?
Ludovico:
Weiß ich nicht mehr. Ich habe sie gefunden.
Ayesha:
Du hast sie aus meinem Zubehör-Fach genommen.
Ludovico:
Kann sein, ich habe sie aus deinem Zubehör-Fach genommen.
Ayesha:
Und dann?
Ludovico:
Dann habe ich sie ausprobiert.
Ayesha:
Und? Passten sie?
Ludovico:
Natürlich nicht. Sie waren natürlich viel zu klein. Irgendwelche Justier-Schräubchen, damit bekommt man doch keine Hinterachse in die Lagerung zurück.
Ayesha:
Aha. Und wo sind sie jetzt?
Ludovico:
Weiß ich nicht.
Ayesha:
Aber du musst sie doch irgendwohin getan haben, nachdem du feststelltest, dass sie „natürlich“ nicht passten.
Ludovico:
Sicher.
Ayesha:
Und wohin bitte?
Ludovico:
Weg.
Ayesha:
Wie „weg“?
Ludovico:
Na weg „weg“.
Ayesha:
Gut. Du hast sie weggetan?
Ludovico:
Ja. Weggetan.
Ayesha:
Und wohin? Ludovico, ich zähle jetzt bis drei:
Eins; zwei ...
Ludovico:
Weg, Ayesha. Ich wußte ja nicht ...
Ayesha:
Du hast sie weg - getan?
Ludovico:
Ja, weg - getan. Weggeschmissen. Sie waren zu klein, haben nichts getaugt. Wer braucht so winzige Schräubchen, da habe ich sie weggeschmissen.
Ayesha:
Weggeschmissen.
Ludovico:
Ins Gebüsch.
Ayesha:
Das ist Sabotage. Du machst alles kaputt.
Ludovico:
Ayesha, ich wußte doch nicht ...
Ayesha:
Du willst meine Arbeit sabotieren. Alles willst du kaputt machen.
Ludovico:
Nein, Ayesha, bitte ...
Ayesha:
Niemand sabotiert Ayeshas Arbeit.
Niemand sabotiert Ayeshas Arbeit!
(Beginnt fieberhaft den Wagen auseinander zu nehmen.)
Niemand sabotiert Ayeshas Arbeit ...
Ludovico:
Trink doch ein kleines Gläschen. Das wird dich erfrischen.
Ayesha:
(Haut ihm das Glas aus der Hand und fährt fort, den Expeditionswagen zu zerlegen.)
Ludovico:
(Hilft ihr dabei.) Oh, hier ist Gaffa.
Ayesha:
(Nimmt das Gaffa und wirft es hinter sich.)
Ludovico:
Hier. Oh, sieh doch, hier sind ja auch die Kabelbinder.
Ayesha:
(Nimmt die Kabelbinder und wirft sie hinter sich.)
Ludovico:
Tackernadeln.
(Wirft sie selber nach hinten.)
Klettband. (s.o.)
Bindedraht. (s.o.)
Alles, was man so braucht, auf einer langen und entbehrungsreichen Forschungsreise.
(Wirft alles nach hinten: Uhu, Schnürsenkel, Eheratgeber, Fugenmasse, Heißklebepistole, Schweissstäbe, Nietenzange, Lötkolben etc. Erschrocken:)
Nein! Nicht da! Nicht das da, Ayesha!
Ayesha:
(Zieht ein dickes Hanfseil hervor, das kein Ende nehmen will.)
Was – ist – das?
Ludovico:
Das?
Ayesha:
Was – das – ist?
Ludovico:
Nichts. Das da, das ist, ich dachte, falls wir mal Wäsche machen wollen; zwei Jahre sind eine lange Zeit.
Ach, siehst du wohl!
(Er präsentiert den Cocktail-Fleck auf seinem Hemd, zieht es aus, sucht aus dem verstreuten Befestigungsmaterial zwei Wäschklammern hervor, und beginnt, das Seil zwischen die Lunamerographen zu spannen. Hängt sein Hemd an dem Seil auf.)
Ayesha:
Weg von meinen Messgeräten!
Ludovico:
Sie lassen sich doch sowieso nicht justieren.
Ayesha:
Weg von meinen Lunamerographen!
Ludovico:
(Zieht sich vorsichtig zurück.)
Schon gut, Ayesha. Was regst du dich nur immer gleich so auf?
Ayesha:
Was ich mich aufrege, das willst du wissen?
Ludovico:
Naja.
Ayesha:
Erst hilfst du mir nicht, sondern bereitest dir einen fruchtigen Cocktail.
Dann wirfst du meine Justier-Schrauben ins Gemüse und sabotierst meine Arbeit.
Dann verstösst du gegen unsere Abmachungen, und jetzt willst du wissen, was ich mich aufrege?
Ludovico:
Naja.
Ayesha:
Ich will dir was sagen, Ludovico:
Ich rege mich nicht mehr über dich auf.
Schluss damit. Kein Stück rege ich mich mehr über dich auf.
Schluss. Ende. Aus.
(Zerschneidet das Hanfseil, packt einen Teil der Ausrüstung.)
Ludovico:
Was tust du da, Ayesha?
Ich kann dir alles erklären. Es ist nicht so, wie du denkst.
Ich dachte nur, falls wir mal Wäsche ...
Weißt du, wenn unser Expeditionswagen mal eine Panne hat, dann können wir ihn abschleppen lassen mit so einem Seil.
Ehrenwort, ich wollte den Mond nicht festbinden. So etwas würde ich nie machen, total unwissenschaftlich. Unmoralisch.
„Kein Stück vom Mond abbrechen. Zweitens: Nur wissenschaftlich festhalten. Wissenschaftlich, nicht in echt“, ich kenne doch unsere Abmachungen, Ayesha.
(Ayesha ab.)
Ayesha?
Das Seil ist nur... Ich wollte ihn nur ganz kurz festbinden. Nur mit seinem Einverständnis natürlich. Nur bis wir ihn der Fachwelt vorgestellt haben. Nicht für immer. Selbstverständlich nicht für immer.
Vielleicht einen Zyklus oder zwei.
Ich wollte ihn dir doch schenken.
Ayesha?
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